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Inventur durchfuehren: Pflichten, Methoden und digitale Tools

Markus Hoffmann

Markus Hoffmann

• Aktualisiert am 13. April 2026 • 8 Min. Lesezeit
Inventur durchfuehren: Pflichten, Methoden und digitale Tools

Warum die Inventur fuer viele Unternehmer ein ungeliebtes Pflichtthema ist

Die Inventur gehoert zu den Aufgaben, die fast jeder Unternehmer vor sich herschiebt. Einmal im Jahr alle Vermoegensgegensaende und Schulden zaehlen, wiegen, messen und bewerten klingt nach Buerokratie-Marathon. Trotzdem ist sie fuer bilanzierungspflichtige Unternehmen gesetzlich vorgeschrieben, und auch fuer EUeR-Rechner kann sie sinnvoll sein. Ich habe in den letzten drei Jahren verschiedene Methoden und Tools getestet und zeige dir in diesem Ratgeber, wie du die Inventur effizient und rechtssicher durchfuehrst.

Wer zur Inventur verpflichtet ist

Die Inventurpflicht ergibt sich aus dem Handelsgesetzbuch. Bilanzierungspflichtige Unternehmen muessen zu Beginn der Geschaeftstaetigkeit und am Ende jedes Geschaeftsjahres eine Inventur durchfuehren. Das betrifft Kaufleute im Sinne des HGB, GmbHs, UGs, AGs und bestimmte Personengesellschaften.

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Einzelunternehmer und Freiberufler mit Einnahmen-Ueberschuss-Rechnung sind nicht zur Inventur verpflichtet. Allerdings kann das Finanzamt bei einer Betriebspruefung eine Bestandsaufnahme verlangen, wenn Zweifel an der Richtigkeit der Buchfuehrung bestehen. Daher empfehle ich auch EUeR-Rechnern mit physischem Warenbestand, mindestens eine einfache Bestandsliste zu fuehren.

Ausnahmen: Dienstleister ohne physisches Warenbestand muessen keine koerperliche Inventur durchfuehren. Die Inventur beschraenkt sich dann auf Forderungen, Verbindlichkeiten, Bankguthaben und Anlagevermoegen, was sich aus der Buchhaltung ableiten laesst.

Die drei Inventurmethoden: Stichtag, permanent und verlegend

Das HGB erlaubt drei Inventurmethoden, die sich in Zeitpunkt und Aufwand unterscheiden:

Stichtagsinventur: Die klassische Methode. Alle Bestaende werden am Bilanzstichtag (meist 31. Dezember) oder innerhalb von zehn Tagen davor oder danach gezaehlt. Vorteil: eindeutiger Stichtag, klare Zuordnung. Nachteil: hoher Aufwand an einem Tag, oft zwischen Weihnachten und Neujahr.

Permanente Inventur: Die Bestaende werden laufend erfasst, und am Stichtag wird der Buchbestand als Inventurbestand uebernommen. Voraussetzung: ein zuverlaessiges Lagerverwaltungssystem, das Zu- und Abgaenge lueckenlos dokumentiert. Vorteil: kein Stichtagsstress. Nachteil: erfordert Disziplin und Software.

Vor- oder nachverlegte Inventur: Die koerperliche Bestandsaufnahme findet innerhalb von drei Monaten vor oder zwei Monaten nach dem Bilanzstichtag statt. Die Bestaende werden dann rechnerisch auf den Stichtag fortgeschrieben oder zurueckgerechnet. Vorteil: zeitlich flexibler. Nachteil: rechnerische Fortschreibung kann fehleranfaellig sein.

Inventurmethoden im Vergleich

Kriterium Stichtagsinventur Permanente Inventur Vor-/nachverlegte Inventur
Zeitpunkt Stichtag +/- 10 Tage Laufend, Stichtagswert aus Buch 3 Monate vor bis 2 Monate nach Stichtag
Aufwand am Stichtag Hoch Gering Mittel (an beliebigem Tag)
Voraussetzung Keine besondere Lagerverwaltungssystem Fortschreibungsmoeglichkeit
Genauigkeit Sehr hoch (Istbestand) Abhaengig von Buchfuehrung Gut, aber Fortschreibungsfehler moeglich
Geeignet fuer Alle Unternehmen Unternehmen mit Lagersoftware Saisonbetriebe
Anerkannt vom Finanzamt Ja Ja, wenn Voraussetzungen erfuellt Ja, wenn Fortschreibung nachvollziehbar

Mein Vorgehen: Inventur in 5 Schritten

Ich fuehre die Inventur seit zwei Jahren digital durch und habe den Prozess auf fuenf Schritte reduziert:

Schritt 1: Inventurplanung. Zwei Wochen vor dem Stichtag erstelle ich eine Checkliste aller zu erfassenden Bereiche: Lager, Buero, Fahrzeuge, Forderungen, Verbindlichkeiten, Bankkonten. Ich weise jedem Bereich einen Verantwortlichen zu (bei Einpersonenunternehmen bin das natuerlich ich selbst).

Schritt 2: Koerperliche Bestandsaufnahme. Am Inventurtag zaehle ich alle physischen Bestaende. Dabei nutze ich eine App auf dem Tablet, die jeden Artikel per Barcode scannt und die Menge erfasst. Bei groesseren Bestaenden arbeite ich nach dem Zwei-Personen-Prinzip: einer zaehlt, einer erfasst.

Schritt 3: Bewertung. Jeder Bestandsposten bekommt einen Wert zugewiesen. Bei Handelsware ist das der Einstandspreis (Anschaffungskosten), bei selbst hergestellten Waren die Herstellungskosten. Das Niederstwertprinzip verlangt, dass ich den niedrigeren Wert aus Anschaffungskosten und Marktwert ansetze.

Schritt 4: Buchinventur. Forderungen, Verbindlichkeiten und Bankguthaben entnehme ich direkt aus SevDesk. Offene Posten gleiche ich mit den Kontoauszuegen ab. Dieser Schritt geht schnell, weil die Daten bereits digital vorliegen.

Schritt 5: Inventarverzeichnis erstellen. Das Ergebnis dokumentiere ich in einem Inventarverzeichnis mit Bezeichnung, Menge, Einzelwert und Gesamtwert fuer jeden Posten. Dieses Verzeichnis muss laut HGB zehn Jahre aufbewahrt werden. Mehr zur Aufbewahrung findest du in meinem Ratgeber zur GoBD-konformen Buchhaltung.

Digitale Hilfsmittel fuer die Inventur

Papier und Klemmbrett sind zwar immer noch verbreitet, aber digitale Tools sparen erheblich Zeit und reduzieren Fehler. Meine Empfehlungen:

Inventur-Apps: Apps wie Sortly, Inventur-App oder Stock&Buy ermöglichen die Erfassung per Barcode-Scanner oder manueller Eingabe auf dem Smartphone. Die Daten werden in der Cloud synchronisiert und koennen als CSV oder Excel exportiert werden. Kosten: 0 bis 30 Euro pro Monat.

Lagerverwaltungssysteme: Fuer Unternehmen mit permanenter Inventur sind Systeme wie JTL-Wawi, Xentral oder Lexbizz geeignet. Sie tracken jeden Wareneingang und -ausgang in Echtzeit und liefern den Inventurbestand per Knopfdruck. Kosten: 30 bis 200 Euro pro Monat.

Barcode-Scanner: Kabellose Bluetooth-Scanner wie der Inateck BCST-70 lesen Barcodes zuverlaessig und uebertragen die Daten an die App oder das Lagerverwaltungssystem. Kosten: 30 bis 80 Euro einmalig.

Buchhaltungssoftware: SevDesk und Lexoffice bieten keine native Inventurfunktion, aber der Export der Anlagenbuchhaltung und der offenen Posten liefert die Grundlage fuer die Buchinventur. Den Export gleiche ich manuell mit der koerperlichen Bestandsaufnahme ab. Einen Ueberblick ueber Software-Optionen findest du in meinem Buchhaltungssoftware-Vergleich.

Inventurdifferenzen: wenn Soll und Ist nicht uebereinstimmen

In der Praxis stimmt der Buchbestand fast nie exakt mit dem gezaehlten Bestand ueberein. Inventurdifferenzen koennen verschiedene Ursachen haben: Schwund, Diebstahl, Erfassungsfehler oder Fehlbuchungen. Kleine Abweichungen sind normal, grosse Differenzen solltest du untersuchen.

In der Buchhaltung buchst du Inventurdifferenzen als Bestandsveraenderungen. Fehlbestaende (Soll groesser als Ist) erhoehen den Aufwand, Mehrbestaende (Ist groesser als Soll) erhoehen den Ertrag. In SKR03 buchst du Bestandsveraenderungen auf Konto 3960 (Bestandsveraenderungen fertige Erzeugnisse) oder auf die jeweiligen Warenkonten.

Mein Tipp: Dokumentiere jede Differenz mit einer kurzen Begruendung. Bei der naechsten Betriebspruefung wird der Pruefer genau diese Differenzen hinterfragen, und eine plausible Erklaerung erspart dir langwierige Diskussionen.

Sonderfaelle: Anlagevermoegen und geringwertige Wirtschaftsgueter

Das Anlagevermoegen muss ebenfalls inventarisiert werden. Dazu gehoeren Maschinen, Fahrzeuge, Bueroausstattung und IT-Equipment. Jedes Anlagegut muss mit Bezeichnung, Anschaffungsdatum, Anschaffungskosten, bisherigen Abschreibungen und Restbuchwert erfasst werden.

In SevDesk findest du das Anlagevermoegen unter der Anlagenbuchhaltung. Ich empfehle, die Liste auszudrucken und physisch zu pruefen, ob alle erfassten Gueter noch vorhanden sind. Verkaufte oder entsorgte Gueter muessen als Abgang gebucht werden. Details zur Anlagenbuchhaltung findest du in meinem Ratgeber zum Anlagevermogen in SevDesk.

Geringwertige Wirtschaftsgueter unter 800 Euro netto koennen im Jahr der Anschaffung vollstaendig abgeschrieben werden. Trotzdem muessen sie im Inventarverzeichnis erscheinen, solange sie noch im Betrieb genutzt werden. Erst nach Ausscheidung aus dem Betrieb (Verkauf, Entsorgung) werden sie aus dem Verzeichnis gestrichen.

Fristen und Aufbewahrungspflichten

Das Inventarverzeichnis muss innerhalb der Aufstellungsfrist erstellt werden. Fuer kleine Kapitalgesellschaften betraegt diese Frist sechs Monate nach dem Bilanzstichtag, also bis zum 30. Juni des Folgejahres. Fuer Einzelunternehmer gibt es keine feste Frist, aber das Finanzamt erwartet die Inventur zeitnah zum Stichtag.

Die Aufbewahrungsfrist fuer Inventarverzeichnisse betraegt zehn Jahre. Das gilt auch fuer digitale Aufzeichnungen, die GoBD-konform archiviert werden muessen. In SevDesk oder einem Cloud-Speicher ist die Aufbewahrung unkompliziert, solange die Unveraenderbarkeit sichergestellt ist.

Inventur vereinfachen: meine drei besten Tipps

Tipp 1: Lager vorher aufraeumen. Klingt banal, aber ein aufgeraeumtes Lager laesst sich doppelt so schnell inventarisieren. Sortiere Waren nach Kategorien, beschrifte Regale und entsorge unbrauchbare Bestaende vor der Inventur.

Tipp 2: Permanente Inventur einfuehren. Wenn du ein Lagerverwaltungssystem nutzt, wechsle zur permanenten Inventur. Der Stichtagsstress entfaellt, und die Bestandsdaten sind jederzeit aktuell. Die einmalige Einrichtung kostet Zeit, aber langfristig sparst du erheblich.

Tipp 3: Inventurteams bilden. Ab 500 Positionen solltest du nicht alleine zaehlen. Zwei bis drei Personen, die parallel verschiedene Bereiche abarbeiten, halbieren die Zeit. Dabei sollte immer eine Person zaehlen und eine andere erfassen, um Fehler zu vermeiden.

Mein Fazit zur Inventur

Die Inventur muss kein stressiges Jahresend-Ritual sein. Mit digitalen Hilfsmitteln, einem klaren Ablaufplan und der richtigen Methode laesst sich der Aufwand auf ein Minimum reduzieren. Wer die permanente Inventur einrichtet, spart den Stichtagsstress komplett. Und selbst bei der klassischen Stichtagsinventur sind mit guter Vorbereitung die meisten Betriebe in einem halben Tag fertig. Der Schluessel liegt in der Vorbereitung, nicht in der Durchfuehrung. Wer den Jahresabschluss vorbereiten moechte, findet in meiner Checkliste alle Schritte.

Haeufig gestellte Fragen

Muss ich als Freiberufler eine Inventur durchfuehren?

Nein, Freiberufler mit Einnahmen-Ueberschuss-Rechnung sind nicht zur Inventur verpflichtet. Allerdings solltest du ein Verzeichnis deines Anlagevermogens fuehren, um Abschreibungen korrekt berechnen zu koennen. Das Finanzamt kann dieses Verzeichnis bei einer Pruefung anfordern.

Was passiert, wenn ich die Inventur nicht durchfuehre?

Bei bilanzierungspflichtigen Unternehmen ist die fehlende Inventur ein schwerer Buchfuehrungsmangel. Das Finanzamt kann die Buchfuehrung verwerfen und den Gewinn schaetzen, was in der Regel zu einer hoeheren Steuerlast fuehrt. Ausserdem ist ein Jahresabschluss ohne Inventur formal unvollstaendig und kann vom Wirtschaftspruefer nicht testiert werden.

Kann ich die Inventur an einen Dienstleister auslagern?

Ja, es gibt spezialisierte Inventurdienstleister, die die koerperliche Bestandsaufnahme uebeernehmen. Das lohnt sich ab mehreren tausend Positionen und kostet typischerweise 0,50 bis 2 Euro pro Position. Fuer kleine Bestaende ist die Eigeninventur wirtschaftlicher.

Wie genau muss die Inventur sein?

Das HGB verlangt eine vollstaendige, richtige, zeitgerechte und geordnete Bestandsaufnahme. In der Praxis akzeptiert das Finanzamt geringe Abweichungen, solange sie dokumentiert und plausibel erklaert werden. Eine Toleranz von 1 bis 2 Prozent des Bestandswerts gilt als unkritisch.

Brauche ich fuer die permanente Inventur eine spezielle Software?

Ja, die permanente Inventur setzt ein Lagerverwaltungssystem voraus, das jeden Wareneingang und -ausgang automatisch erfasst und den Buchbestand in Echtzeit fuehrt. Einfache Tabellen reichen nicht aus, weil die Nachvollziehbarkeit und Unveraenderbarkeit nicht gewaehrleistet ist. Systeme wie JTL-Wawi oder Xentral erfuellen die Anforderungen.

Markus Hoffmann
Von Markus Hoffmann

Markus Hoffmann ist zertifizierter Buchhalter mit 18 Jahren Berufserfahrung in der Beratung von Freiberuflern und kleinen Unternehmen. Als langjähriger Partner mehrerer Steuerberatungskanzleien in Bayern hat er Hunderte von Unternehmern bei der Wahl ihrer Buchhaltungssoftware begleitet. Auf buchhaltung-test.com testet er unabhängig SevDesk, Lexoffice, Fastbill und weitere Lösungen für den deutschen Markt.

 ·  Zuletzt aktualisiert: 13. April 2026

Markus Hoffmann

Markus Hoffmann

Steuerberater und Buchhaltungsexperte

Steuerberater mit ueber 15 Jahren Erfahrung. Ich habe mehr als 20 Buchhaltungsprogramme getestet und teile hier meine Praxiserfahrung, um Ihnen bei der richtigen Wahl zu helfen.

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